Der Bergfried der Lichtenberg

von Holger Dussberg

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Der als Bergfried bezeichnete Turm ist das markanteste, stärkste und höchste Bauglied im Verteidigungssystem einer mittelalterlichen deutschen Burg des frühen 12. bis Ende des 14. Jahrhunderts. Die Namensgebung für diesen Hauptturm ist eine Wortschöpfung des 19. Jhd. und wurde erstmalig in dieser Zeit von den Burgenforschern kontorvers diskutiert.

Abgesehen von den reinen Turmburgen des 8./9. bis 10./11. Jahrhunderts war der Bergfried entgegen vieler Behauptungen kein Wohn-, sondern ein reiner Flucht- und Beobachtungsturm. Er konnte im Verband mit anderen Burggebäuden oder wie bei der Burg Lichtenberg frei neben dem Tor, also an der bedrohtesten Stelle stehen. Sicher hat der schmale Zugang - wie allgemein üblich - ebenfalls 5-10 m über dem Erdboden gelegen. Dieser Zugang, der mehr sperrend als öffnend wirkte, war etweder über eine Leiter vom Burghof aus, über eine kurzfristig zerstörbare Treppe, oder einer Brücke vom Wehrgang der Ringmauer bzw. benachbarten Gebäuden aus erreichbar.

Ob sich im Kellergeschoss, wie auf anderen Burgen belegt, das durch ein sogenanntes "Angstloch" erreichbare Verließ befunden hat, lässt sich für den Bergfried des Lichtenberges nicht mehr klären. Zeitzeugen, die an der Aufmauerung des heutigen Turmes im 19. Jhd. mitgewirkt haben, überlieferten die eher zweifelhalfte Aussage, dass man bei der Freilegung des Turmes im Inneren ein an der Wand schräg liegendes Skelett gefunden habe.

Obwohl ein Bergfried der aktiven und passiven Verteidigung diente, war er dennoch mehr als ein reiner Wehrbau. Ihm fiel in der Gesamtkonzeption der Burg eine besondere Rolle zu, die nur architektonisch und psychologisch erklärt werden kann. So ist auffallend, dass an manchen Burgen nur der Bergfried von Bauhandwerkern der obersten Zunft, den Steinmetzen, die ihre individuellen Markenzeichen an den Steinen hinterließen, errichtet wurde. Leider konnten bisher keine Steinmetzzeichen auf der Lichtenberger Burg nachgewiesen werden.

Als psychologisches Moment ist zu berücksichtigen, dass durch den vermeintlich unangreifbaren, hochragenden Turm die überlegene Macht, die Unantastbarkeit des Burgherren dokumentiert werden sollte. Der Bergfried war also ein fern ins Land hineinreichendes sichtbares Statussymbol des Burgherren.

Als Grundriss eines Bergfrieds begegnen uns verschiedene Formen, die in Deutschland, je nach "Technologie Transfer in der Region" (?) verschiedenartig gebaut wurden. Das Quadrat, war neben dem Kreis am häufigsten vertreten. Seltener treffen wir auf polygone Bauformen. Aus der Vorlage eines Dreiecks entstand das Fünfeck, das den Aufprall der Wurfgeschosse an der Angriffsseite mildern sollte (z.B. Burg Falkenstein/ Harz).

Der ehemalige Bergfried der Burg Lichtenberg ist in seinen im inneren runden ca. 4,5 m Resten des heutigen sechseckigen Aussichtsturmes erhalten. Nachdem der ursprüngliche Turm 1861 wegen Baufälligkeit niedergelegt werden musste, soll aber bei dem "Neubau" die ursprüngliche äußere noch nachvollziehbare Form beibehalten worden sein. Die alten Mauern wurde demnach bis zum ersten Obergeschoss neu ummantelt. Ob dieser romanische Bergfried tatsächlich einen sechseckigen Grundriss hatte, war lange umstritten!

Der Vergleich einer Bleistiftzeichnung (letztes Drittel des 18. Jhd.) des für das Braunschweiger Land bedeutenden Landschafts-/Porzellanmalers P.J.F. Weitsch mit dem Kupferschnitt von Merian belegt eindeutig, dass der Bergfried bei der Zerstörung der Burg jedenfalls sechseckig war. Finden wir hier wiederum einen Beweis für das psychologisch wichtige Statussymbol eines Bergfrieds? Der Turm des Lichtenberges würde zusammen mit der Reichsburg Sachsenstein (Harz), der Burg Brandenburg a.d. Werra in Tühringen und der Burg Rieneck/Lohr, mit seinen sechs Ecken die bisher häufigere fünfeckige Form übertreffen und wäre u.U ein weiterer Beweis für die Selbstdarstellung der Erbauers zu werten!