Die Burgkapelle auf der Lichtenberg

von Holger Dusberg

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Eine Burgkapelle, in der regelmäßig Messen gelesen wurden, fehlt nur auf wenigen Burgen. Wenn sie mit der Errichtung der Burg gestiftet wurde, ist ihr Chor- bzw. Altarteil stets nach Osten gerichtet. Bei späteren Kapelleneinbauten hatte dagegen der Typ und die Orientierung hinter den fortifikatorischen Belangen zurückzustehen, so dass aus der Lage der Kapelle nicht unbedingt ihre Bedeutung und Wertschätzung abzulesen ist. Es werden verschiedene Arten von Burgkapellen unterschieden; neben den romanischen Saalkirchen kennen wir Turmkapellen mit offensichtlichem Wehrcharakter, repräsentative Doppelkapellen und Torkapellen. Einer Veröffentlichung von H. A. Schultz über die Burg Lichtenberg ist zu entnehmen: „An diesen Torturm schlossen sich an der inneren Südseite der Hochburg drei Gebäude an. Das erste war die Kapelle, in deren Boden menschliche Bestattungsspuren, bronzene Randstücke und eine kleine, aus Knochen geschnitzte Marienfigur mit dem Jesuskind gefunden wurden."

Bei den in den letzten Jahren durchgeführten Sanierungsarbeiten wurde festgestellt, dass der Innenbereich der Kapelle (?) nicht ausgegraben wurde, sondern immer noch mit Bauschutt aus der Zerstörungsphase verfüllt war. Aus welchen Erkenntnissen heraus der Ausgräber 1957 seine Aussage treffen konnte, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Wie aber zu belegen ist, handelt es sich bei der "Marienfigur" (s. nebenstehende Abbildung) eindeutig um einen Mönch in Kutte und mit der üblichen Tonsur. Bei diesem 5,5 cm hohen und ca. 3 cm breiten aus Bein geschnitzten Beschlag für einen "Reliqienkasten (?)" handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Abbildung des legendären unhistor. Märtyrers aus der Ostkirche Christophorus. Dieser trägt der Legende nach das Christuskind über einen Fluss, wird von der Last des Kindes unter Wasser gedrückt und so getauft. Auf mittelalterlichen Abbildungen ist über der rechten Schulter immer Christus unterschiedlich dargestellt. Leider ist bei diesem Knochenstück der rechte obere Schulterbereich fragmentarisch.

Sollte sich aber die Vermutung, die noch einer genaueren Überprüfung bedarf, bestätigen, wäre für die Burg Lichtenberg eine Torkapelle nachgewiesen. Warum die mittelalterlichen Burgenbauer (u.a. Burg Plesse, Burg Hanstein, Burg Wohldenberg) die nicht allzuhäufig vorkommende Torkapelle gerade an den gefährdetsten Punkt der Burg platzierten, wo sie bei der Verteidigung eher hinderlich sein konnte, ist nicht bekannt. Vermutlich muss dies im Zusammenhang mit einer christlichen Torsymbolik gesehen werden. Man erhoffte sich, dass die heiligen Patrone oder die in der Kapelle aufbewahrten Reliquien halfen, die wichtigen Torwege, das Tor und die Burg zu verteidigen oder vor Unheil zu bewahren.

Obwohl derzeit noch keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, deuten diverse Funde wie Putzreste in Freskenmalerei, blattvergoldete Architekturplastiken, Teile einer Lichtkrone, bemaltes Fensterglas und rotlasierte Backsteine darauf hin, dass sich auf der Kernburg nahe des Tores ein repräsentativ ausgestalteter Raum befand.

Die religiöse Haltung der Bewohner oder Besucher der Burg Lichtenberg ist auch dadurch belegt, dass einer von ihnen zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Mittelalters pilgerte. Es befindet sich unter den Grabungsfunden des Jahres 1957 eine sogenannte Jakobsmuschel, die als äußeres Zeichen von den Pilgern (u. a. Heinrich der Löwe) getragen wurde, die den Wallfahrtsort Santiago de Compostela an der spanisch-französischen Grenze aufgesucht hatten.