Prolog: Die Burg Lichtenberg

- eine Zeugin mittelalterlichen Lebens -
von Holger Dussberg

  1. Entstehung und Rechtsgrundlage des Burgenbaus
  2. Die Funktion einer Burg
  3. Die Burg und ihre Architektur
  4. Typischer Aufbau einer mittelalterlichen Höhen-Burg
Heidelberger Sachsenspiegel: Landrecht:
Von der Herren Geburt. Hinweis auf die Herren von Lichtenberg.

Nur wenige Mauerreste erinnern an die wechselvolle Geschichte der Burg Lichtenberg, die auf einer 241 m NN hohen Muschelkalkkuppe der Lichtenberge, einem nach nord-west streichenden Abschnitt des Salzgitter Höhenzuges errichtet wurde. Dennoch zieht es immer wieder viele Besucher an diese historische Stätte, die im Jahre 1180 erstmals urkundlich erwähnt wird, als der staufische Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Kampf gegen den Welfen Heinrich den Löwen die Feste belagerte und einnahm. Diese Burgruine in landschaftlicher Einsamkeit, von der modernen Stadt abgeschirmt, übt anscheinend immer noch einen gewissen Reiz auf die menschliche Fantasie aus.

Es ist aber nicht nur die Romantik, das hohe Alter oder die reizvolle Lage, die diese Ruine so interessant und unersetzlich macht, sondern ihre Ursprünglichkeit und ihr dokumentarischer Wert.

Obwohl die Wehranlage, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder an die jeweils gültige Waffentechnik baulich angepasst, am 29. Okt. 1552 durch Claus Berner, einem Unterführer des Grafen Volrad von Mansfeld stark zerstört wurde und die Bewohner Ober- und Niederfredens die Burganlage als Steinbruch nutzten, lässt sich ihre einstige Wehrhaftigkeit noch erahnen. So ist der Lichtenberg keinesfalls ein stummer Zeuge menschlicher Geschichte, sondern ein beredtes Objekt, das seine Geschichte erzählen kann. Und je intensiver der Erlebnishorizont des Betrachters angesprochen wird, desto größer ist die daraus resultierende Faszination, die zwangsläufig zur Burgenforschung führen muss. So kommen viele Fragen auf nach der Entstehungszeit der einstigen Wehranlage, über ihre Erbauer, ihre Entwicklung und architektonische Einheit, ihre Aufgabe in Kriegs- und Friedenszeiten. Der Versuch einer Beantwortung dieser schwierigen Fragen liefert zugleich auch einen Beitrag zur Erforschung der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte.

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1. Entstehung und Rechtsgrundlage des Burgenbaus

Seit der Mensch in immer größeren Gemeinschaften zusammenlebte, wuchs auch sein Schutzbedürfnis, das in der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in der Errichtung von großräumigen Ringwällen auf Höhen oder in Sümpfen, den sogenannten Flucht- oder Volksburgen, ihren Niederschlag fand. Boten diese Anlagen, die nur im Kriegsfall aufgesucht wurden, noch jedermann Zuflucht, so hat im frühen Mittelalter, als sich die Burgen langsam zu politischen Zentren entwickelten, bereits eine besondere Zugangsberechtigung bestanden. Ob aber frühmittelalterliche Burgen auf eine Wiederbelebung älterer Wehranlagen zurückzuführen sind, kann zumeist nur noch archäologisch am Einzelbeispiel überprüft werden. Neben den Burgwällen und Motten sind in dieser Zeit Höfe, Reichshöfe und Pfalzen bekannt.

Im 10. Jahrhundert, als die Burgwälle langsam aufgegeben wurden und Stein das Holz verdrängte, sind die ersten kleinräumigen, meist eckigen Steinburgen, nachzuweisen. In dieses Jahrhundert fällt auch die erste große Phase des Burgenbaus auf deutschem Boden, die auf eine Anordnung König Heinrichs I. (919-936) zum Schutze des Reiches gegen die einfallenden Ungarn und Slawen zurückzuführen ist.

Das bevorzugte Wehrsystem war die Turmburg und Motte. Bei diesen Burgen besteht die Hauptburg aus einem turmartigen Gebäude oder Haus, wobei diesem häufig eine oder mehrere ebenerdige Vorburgen mit entsprechenden Wirtschaftsgebäuden zugeordnet wurden. Im Gegensatz zur Turmburg, die auf gewachsenem Untergrund erbaut wurde, stand die Motte auf einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel, wobei die Außenseiten von einer Hügelschüttung umgeben wurden. Vermutlich war der Wandel vom Fuß- zum Reiterheer ausschlaggebend für eine Hinwendung zu diesem Wehrsystems. Wohnte der Edelherr bislang in festen Häusern im Dorf oder seiner unmittelbaren Nähe, so setzte die Errichtung einer hochmittelalterlichen Burg in ihrer typischen Bauart als Hochburg auf lichter Höhe eine Zäsur zwischen Adel und Bevölkerung. Diese Zäsur, deren Voraussetzung bereits in karolingischer Zeit mit der Entwicklung des Lehnswesens gelegt wurde, fällt in die Zeit der salischen Könige und Kaiser (1024-1125).

Das mittelalterliche Kaisertum hatte unter Heinrich III. (1039-1056) seinen Höhepunkt erreicht. Doch die nachfolgende Schwächung des Königtums durch die Vormundschaftsregierung für den erst sechsjährigen König Heinrich IV. (1050-1106), die das Reich nahezu an den Abgrund brachte, und der in diese Zeit fallende Investiturstreit wurde vom Adel konsequent zur Durchsetzung eigener Interessen ausgenutzt. So fällt auch in diese Zeit der größten Reichskrise die zweite große Phase des Burgenbaus.

Heinrich der IV. hatte mit Bischof Benno von Osnabrück einen genialen Burgenbauer an seiner Seite. Kennzeichnend für den Burgenbau Heinrichs IV. ist der betonte Wehrcharakter, die extreme Höhenlage und eine ständige landfremde Besatzung.

Gerade diese Besetzung mit den rangniedrigeren Schwaben scheint für die Sachsen eine besondere Provokation gewesen zu sein. Wie sehr dieses auf Bevölkerung und Chronisten gewirkt hat, geht u. a. aus der Schilderung des Chronisten Brunos über den Sachsenkrieg (Brononis Saxonicum bellum) hervor. Der Chronist überliefert die Ansprache Ottos von Northeim, der 1073 einen Sachsenaufstand gegen Heinrich IV. anzettelte: "Er hat gebaut, wie ihr wisst, feste Burgen an Orten, die von Natur aus fest sind, und dort hat er versammelt keine geringe Menge treuer Diener (fideles), wohlversehen mit Waffen aller Art. Diese Burgen konnten unmöglich gegen die Heiden (Slawen) erbaut worden sein, die einst unser Land, welches an das ihre stieß, verwüstet haben: denn es ist ziemlich inmitten unseres Landes (in das die Heiden nie den Krieg zu tragen suchten), da sie mit solcher Tatkraft errichtet worden. Was sie bedeuten - und da sind viele unter euch, welche es aus Erfahrung wissen -, werdet ihr in Kürze erfahren, sofern nicht Gottes Gnade oder euer Heldenmut dem zuvorkommt. Eure Habe und diejenige derer, welche mit euch leben, wird hinweggetragen werden in jene Burgen wider euren Willen, sie werden sich eurer Töchter und Weiber bedienen nach ihren Gelüsten, sooft sie wollen. Sie werden über eure Leibeigene und über eure Lasttiere befehlen - ja auch über euch selbst, sie werden euch zwingen, alle Arten von Last auf euren Rücken zu tragen, sogar Dung."

Ob diese Übergriffe tatsächlich stattfanden ist nicht mehr nachzuvollziehen.

Heinrich IV. musste aber nach dem Sachsenaufstand einige seiner gegen die Sachsen errichteten Burgen schleifen. Obwohl seine Nachfolger die Reichsgewalt wieder stärken konnten, wagten sie es dennoch nicht, den Burgenbesitz des erstarkten Adels anzutasten und diesen zu vertreiben. Es bestand also nur die Möglichkeit, den Kreis der Bauberechtigten einzuschränken, um so den Burgenbau zu kontrollieren. Folglich musste erst einmal geregelt werden, was man unter einer Burg zu verstehen und wer den Burgenbau zu genehmigen hatte.

Seit dem "Edictum Pistense" (864) war bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts der fränkische bzw. deutsche König Inhaber des Burgenbauregals, das er den Grafen als seinen Vertretern übertragen konnte. Ein mit königlichem Bann ausgestatteter Graf war als Vorsitzender der öffentlichen Landgerichte gleichzeitig für die Wahrung des Landesfriedens verantwortlich.

Heidelberger Sachsenspiegel Kapitel 7r, Landrecht Cod. Pal.164

Aus dem Sachsenspiegel geht hervor, dass der Bau einer Ortsbefestigung oder Burg der Genehmigung des Landesrichters bedurfte: "Man en muz ouch keine burg bowen, noch stat vestene mit planken noch mit muren, noch berg noch weder turme binnen dorfe, ane des landes richters orlop." ("Lehnsleute dürfen auch keine Burgen bauen, weder Städte befestigen mit Planken noch mit Mauern, noch Berg, weder Turm innerhalb eines Dorfes, denn der bedarf des Landesrichters Erlaubnis.") Da man nun nicht jede Umfriedung von Grundstücken genehmigungspflichtig machen konnte, wurde im Sachsenspiegel ebenfalls genau definiert, was nicht unter einer Befestigung zu verstehen war. "So durften die Gräben nur so tief sein, dass ein Mann die Erde frei herausschaufeln konnte, Mauern und Palisaden mussten ohne Zinnen oder jegliche Brustwehr und nur so hoch sein, dass ein auf dem Pferd sitzender Reiter mit der Hand darauf greifen konnte, die Eingänge der Gebäude durften nicht höher als ein Knie über der Erde liegen, die Geschosszahl bei den Gebäuden wurde auf drei begrenzt.

Eine weitere rechtliche Voraussetzung für den Bau einer Burg war neben der Lizenzierung auch die Verfügungsgewalt über Grund und Boden. Niemand, auch nicht die Reichsgewalt, hatte das Recht, auf fremdem Boden eine Wehranlage zu errichten. Grundsätzlich war es illegal, zum Zweck des Burgenbaus eine Enteignung vorzunehmen. Dennoch wurde dieses Gesetz nach dem Motto: Recht ist, was nützt, oder: sein Recht muss jeder einzelne wahren, oft unterlaufen. So stellte sich selbst der welfische König Otto IV als oberster Hüter des Rechts in den schärfsten Widerspruch zum geltenden Recht, als er 1203 die Harliburg (bei Vienenburg) aus machtpolitischen Gründen auf fremdem Boden vor den Toren der staufertreuen Stadt Goslar errichten ließ. Wie stark ihn dieser Rechtsbruch noch kurz vor dem Tode beschäftigte, geht aus seinem am 19. Mai 1218 abgefassten Testament hervor.

Auch Ottos Vater, Heinrich der Löwe, ist ohne näher erkennbaren Rechtstitel an das umfangreiche Allodialgut des letzten Grafen von Assel gelangt, der am 1. Jan. 1170 verstarb. Zu dem asselschen Allodialgut, das sich u.a. in unmittelbarer Nähe der Lichtenberge befand, gehörte auch die Burg Assel bei Burgdorf (jetzt Landkreis Wolfenbüttel). Vermutlich blieb diese Burg nur solange militärisch bedeutsam, bis die Burg Lichtenberg die Aufgabe als Hauptstützpunkt übernehmen konnte. Da Heinrich der Löwe nicht als Burgenbauer bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass er eine bereits legitimierte Burg/-stelle nutzte und ausbaute. Im Jahre 1202 zählten die Söhne Heinrichs des Löwen die Burg Lichtenberg zu ihrem Erbe (patrimonium). Es ist aus den Quellen nicht ersichtlich, welchem Erbkomplex sie zuzuordnen ist.

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2. Die Funktion einer Burg

Nur wenn man die Burg in ihrer historisch-geografischen Umgebung unter Einbeziehung aller soziologischen, politischen, administrativen, juristischen und kirchlich mitwirkenden Kräfte betrachtet, kann sie uns über ihre Funktion Auskunft geben.

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2.1 Militärpolitische Funktion der Burg

Eine Burg zu besitzen bedeutete Macht, und diese stieg mit der Zahl der eigenen, lehnbaren oder auf Grund sonstiger vertraglicher Vereinbarungen zur Verfügung stehenden Burgen. Im Gegensatz zu den kleineren Adelsfamilien, die meistens noch auf ihrer Burg wohnten und hier Schutz fanden, stand hinter dem im großen Stil betriebenem Burgenbau der Reichsfürsten zumeist ein wohldurchdachtes Konzept. Man wollte militärische Stützpunkte erhalten, um so besseren politischen Einfluss auf die Geschicke des Reiches nehmen zu können. So war es auch bei der Burg Lichtenberg, als deren erster Besitzer Heinrich der Löwe urkundlich benannt ist.

Die Burg Lichtenberg gilt als die militärisch bedeutendste welfische Wehranlage im Braunschweiger Land, denn sie hatte eine Schlüsselposition in den sich hier überschneidenden Interessengebieten des Hochstiftes Hildesheim, der staufertreuen Reichsstadt Goslar, der Stadt Peine und der Stadt Braunschweig inne. Von ihrer strategischen Lage aus beherrschte sie das gesamte nordwestliche Harzvorland bis in die weite Ebene zwischen Hildesheim, Peine und Braunschweig. Hinzu kam, dass sich an ihrem nördlichen Fuße die alten Handels-/Heerstraßen Minden, über Hildesheim nach Halberstadt mit einer Abzweigung nach Braunschweig trafen. Im Süden konnte man die für die Reichsstadt Goslar so wichtige Handelsstraße Frankfurt, Bremen mit der Abzweigung Wartjenstedt, über Ringelheim jederzeit sperren. Wie sehr Heinrichs des Löwen Sohn, König Otto IV., Anfang des 13. Jahrhunderts die Burg Lichtenberg und die Harliburg nutzte, um Goslar zu bedrängen, schildert uns anschaulich der Chronist Arnold von Lübeck.

Obwohl Burgen im europäischen Raum überwiegend defensiven Charakter besaßen, waren sie dennoch ein Kampfmittel. Da zur Kriegsführung des frühen und hohen Mittelalters auch die Zerstörung der Nahrungsgrundlage des Feindes gehörte, wurden von einer Burg aus des öfteren Angriffe auf die feindlichen Ländereien unternommen. Einen Beleg dafür bietet das Jahr 1246, als der Lichtenberger Vogt Gebhard von Bortfeld das Hochstift Hildesheim an der Getreideernte in Klein Freden hinderte.

Die Bauweise einer Burg wurde durch die jeweilige Waffentechnik bestimmt, wobei sich der Grundriss weitgehend nach dem gegebenen Gelände zu richten hatte. Mit der Erfindung des Schießpulvers verloren die Burgen, sofern sie nicht zu modernen Festungen ausgebaut wurden, im 15. Jahrhundert langsam ihre militärische Funktion. Obwohl in dieser Zeit auf der Burg Lichtenberg im Torbereich der Kernburg noch mehrere der Verteidigung dienende An-/Umbauten vorgenommen wurden, sank auch ihre militärisch Bedeutung. Doch durch den schon länger im Gang befindlichen Funktionswandel hin zu einem bedeutenden Verwaltungsmittelpunkt wuchs ihre wirtschaftliche Attraktivität.

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2.2 Wirtschafts- und Sozialfunktion der Burg

Durch ihre militärische Aufgabe bedingt war eine Burg auch eine autarke Wirtschaftseinheit. Neben der täglichen Verköstigung der Burgmannen mussten Vorräte für den Winter oder einen Verteidigungsfall beschafft, gelagert und regelmäßig auf Verderblichkeit überprüft werden. Waffen und Rüstungen bedurften der ständigen Pflege, laufende Instandhaltungsarbeiten an Wehr- und Nutzbauten erforderten den Einsatz von Steinmetzen, Zimmerleuten und Schmieden. Bauern versorgten das Vieh und bestellten die Felder.

Notwendiges Material wurde, sofern es nicht selbst hergestellt werden konnte, auf Märkten oder von fahrenden Händlern vor der Burg gekauft. Somit war die Burg Arbeits- und Lebensraum für etliche Menschen, die zwangsläufig eine Gemeinschaft bildeten, in der mehrere Schichten der mittelalterlichen Gesellschaft vertreten waren. Neben dem Burgherren und der Burgbesatzung, waren es Bauern, Händler aber auch ein Priester, der für die Burg Lichtenberg im Jahr 1542 bezeugt ist. Dieser Geistliche hatte neben seinen klerikalen Diensten noch diverse weltliche Arbeiten wie Beurkundungen oder den allgemeinen Schriftverkehr zu verrichten. Einen Beweis für die Schreibtätigkeit auf der Burg Lichtenberg liefert ein 1990 gefundener Schreibgriffel, der vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammt.

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2.3 Zentralörtliche und administrative Funktion der Burg

Um aus Herrschaftsgebieten auch einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen zu können, bedurfte es eines funktionierenden Verwaltungsapparates. So wurden Burgen mit Vögten, Schultheißen, Richtern oder in späterer Zeit mit Amtmännern besetzt, die dafür zu sorgen hatten, dass die Bevölkerung ihre Abgaben pünktlich entrichtete oder den Frondienst leistete. Der älteste Nachweis eines Vogtes (advocatus) auf der Burg Lichtenberg stammt mit Gebhard von Bortfeld aus dem Jahre 1246. Ob der für das Jahr 1190 belegte Wernerus de Lichtenberg ein Vogt oder Burgmann war, ist unklar. Bestanden die Abgaben vorerst aus einer festgelegten Menge an Naturalien, so mussten mit fortschreitender Fiskalwirtschaft Steuern oder Zinsen in Geld entrichtet werden. Nach Deckung des Eigenbedarfes konnten die erwirtschafteten Überschüsse entweder gegen benötigte Produkte getauscht oder bar bezahlt werden.

Es entstanden in Burgnähe Märkte und Gewerbebetriebe. Wann den Orten Nieder- und Oberfreden ein Markt verliehen wurde, ist derzeit noch nicht nachzuweisen. Urkundlich belegt ist, dass König Otto IV. (1198-1216) im Jahre 1204 das Weihnachtsfest auf der Burg Lichtenberg verbrachte und einen Hoftag abhielt. Vielleicht ist aus diesem Anlass in Nieder- oder Oberfreden ein Markt abgehalten worden. Als Zahlungsmittel hat der durch den Nordhäuser Münzfund bekanntgewordene Lichtenberger Brakteat, der vermutlich auf der hiesigen Burg geprägt wurde, gedient. Wie bedeutend der Entwicklungsschub für die Orte Ober- und Niederfreden und die umliegenden Dörfer durch die Burg Lichtenberg war, ist leicht nachzuvollziehen. Zahlreiche Keramikfunde im heutigen Lichtenberg und auf der Burg selbst, weisen auf die regen Handelsbeziehungen hin

Die zentrale Anziehungskraft der Burg wurde dadurch erhöht, dass seit 1273 die Gerichtsbarkeit "circa castrum Lichtenberg" bezeugt ist, also eine Stätte an der Beurkundungen und Rechtssprechungen durchgeführt wurden. Mit der Burg Lichtenberg war die Obere Gerichtsbarkeit verbunden, d.h. es konnten auch Todesurteile ausgesprochen werden. Allgemein ist nachweisbar, dass solche Handlungen einer alten Tradition folgend nicht hinter verschlossenen Türen, sondern an allgemein zugänglichen Plätzen in der Nähe der Burg vorgenommen wurden. Die Gerichtsbarkeit, die sich für den Bezirk Lichtenberg erst ab 1290 belegen lässt, wird vielleicht schon in früherer Zeit als Blutgericht bestanden haben. Möglicherweise fanden die Verhandlungen auf dem künstlich aufgeschütteten Hügel am Evangelienberg statt. Dieser Platz ist auch heute mit einer Linde bepflanzt. Die im heutigen Lichtenberg belegten Thingplätze der beiden ehemaligen Orte Ober- und Niederfreden haben eine vollkommen andere Tradition. Dort fanden im Jahr mehrmals Versammlungen der männlichen Einwohner statt, und hier wurde das bäuerliche Gericht abgehalten.

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3. Die Burg und ihre Architektur

Wie jede typisch mittelalterliche Burg umfasst auch die Burg Lichtenberg drei große bauliche Einheiten. Neben den Wehrbauten (Ringmauer, Tor und Turm) sind es Wohngebäude (Caminata, Palas und Kapelle) und schließlich die Wirtschaftsgebäude (Brunnenhaus, Küche, Backhaus, Vorratsräume und Stallungen). Betrachten wir zuerst die Gesamtfläche der Burg. Es fällt auf, dass sie aus zwei Teilen besteht. Eine raumgreifende Vorburg wird von der romanischen Kernburg, die auf einer Fläche von 45 x 80 m2 die Form eines an beiden Enden zugespitzten Ovals aufweist, überlagert. Die Kernburg, die wir als Zungenburg anzusprechen haben, wurde den topografischen Verhältnissen angepasst, wobei der aus Unteren Muschelkalk bestehende Baugrund in vielen Bereichen intentional flächig bearbeitet wurde. Wie bei allen Burgen üblich, war das Vorgelände des Burgberges weiträumig kahlgeschlagen, um dem Feind die unbemerkte Annäherung zu erschweren und keinerlei Deckung und Nutzholz zum Bau von Angriffswaffen zu gewähren.

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3.1 Wehrbauten der Kern-/Oberburg

Torturm

Man betritt die Kern-/Oberburg von Süden durch eine 9 m in den Burggraben vorgeschobene Torkammer, die einen Grundriss von 8,40 x 9,00 m2 und eine durchschnittliche Mauerstärke von 1,60 m aufweist. In dieser Kammer befand sich ein archäologisch nachweisbarer 0,60 m schmaler Durchlass, der mit einer kleinen "Klappbrücke" (?) versehen wohl in einem engen Zusammenhang mit der vor einigen Jahren in dem den Grabenbereich durchlaufenden Mauerzug entdeckten Pforte zu stehen scheint. Die in der "älteren" Literatur, ist als eine 3 m breite Ein-/Ausfahrt gedeutete Lücke lediglich als ein falsch restaurierter und damit interpretierter Baubefund anzusehen. Die Zugangsituation zur Kernburg ist nur zeitlich differenziert zu betrachten. Das in der Torkammer heute leider nicht mehr sichtbare, aber archäolgisch nachweisbare Mauerbanket, diente nicht wie ursprünglich angenommen als Auflager der Zugbrücke, sondern ist als rein "statisches (?)" Bauelement zu deuten.

Bei der Ausgrabung im Jahre 1957 soll aus dem Bauschutt im Bereich des Personendurchlasses ein schmaler, regelmäßig behauener Stein geborgen worden sein, der als oberer Sturz des kleinen Eingangs angesehen wurde. Fünf (?) rund bearbeitete Steine, die ebenfalls im Schutt nachgewiesen wordem sein sollen, interpretierte man ehemals als rundbogiger großer Torsturz des Haupttores. Leider sind diese Bauteile nicht dokumentiert oder geborgen worden.

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3.2 Wohngebäude der Kern-/Oberburg

Caminata/Kemenate

Weniger repräsentativ im Äußeren, dafür aber im Inneren komfortabel, war die Kemenate. So wird ein Bauwerk oder Wohnraum mit einer wärmenden Feuerstätte bezeichnet. Als Wärmespender diente entweder ein Heizkorb (in dem ein aufgeheizter Findling lag), ein offener Kamin oder in späterer Zeit ein Kachelofen. Bei der archäologischen Untersuchung 1957 wurde auf der Burg Lichtenberg nordwestlich des Bergfriedes ein 10 x 10 m2 großes freistehendes Kellergeschoss mit einer Mauerstärke von ca. 1,50 m freigelegt. Aufgrund der in der südöstlichen Ecke vorgefundenen Heizungsanlage wird dieser Gebäuderest als Kemenate/Caminata gedeutet.

Burgkapelle

Eine Burgkapelle, in der regelmäßig Messen gelesen wurden, fehlt nur auf wenigen Burgen. Wenn sie mit der Errichtung der Burg gestiftet wurde, ist ihr Chor- bzw. Altarteil stets nach Osten gerichtet. Bei späteren Kapelleneinbauten hatte dagegen der Typ und die Orientierung hinter den fortifikatorischen Belangen zurückzustehen, so dass aus der Lage der Kapelle nicht unbedingt ihre Bedeutung und Wertschätzung abzulesen ist. Es werden verschiedene Arten von Burgkapellen unterschieden; neben den romanischen Saalkirchen kennen wir Turmkapellen mit offensichtlichem Wehrcharakter, Torkapellen und repräsentative Doppelkapellen. Einer Veröffentlichung von H. A. Schultz über die Burg Lichtenberg ist zu entnehmen: "An diesen Torturm schlossen sich an der inneren Südseite der Hochburg drei Gebäude an. Das erste war die Kapelle, in deren Boden menschliche Bestattungsspuren, bronzene Randstücke und eine kleine, aus Knochen geschnitzte Marienfigur mit dem Jesuskind gefunden wurden."

Sollten diese Angaben, die noch einer genaueren Überprüfung bedürfen, stimmen, wäre für die Burg Lichtenberg eine Torkapelle nachgewiesen. Warum die mittelalterlichen Burgenbauer die nicht allzuhäufig vorkommende Torkapelle gerade an den gefährdetsten Punkt der Burg platzierten, wo sie bei der Verteidigung eher hinderlich sein konnte, ist nicht bekannt. Vermutlich muss dieses im Zusammenhang mit einer christlichen Torsymbolik gesehen werden. Man erhoffte sich, dass die heiligen Patrone oder die in der Kapelle aufbewahrten Reliquien halfen, die wichtigen Torwege, das Tor und die Burg, zu verteidigen oder vor Unheil zu bewahren.

Die religiöse Haltung der Bewohner oder Besucher der Burg Lichtenberg ist auch dadurch belegt, dass einer von ihnen zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Mittelalters pilgerte. Es befindet sich unter den Grabungsfunden des Jahres 1957 eine sogenannte Jakobsmuschel, die als äußeres Zeichen von den Pilgern (u. a. Heinrich der Löwe) getragen wurde, die den Wallfahrtsort Santiago de Compostela an der spanisch-französischen Grenze aufgesucht hatten.

Wirtschaftsgebäude auf der Oberburg

Folgt man den Ausgrabungsergebnissen des Jahres 1957, so lassen sich auf der Kernburg ein Backofen (?) im südlichen Caminatabereich, eine Küche und zwei Vorratsräume nachweisen.

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3.3 Wehrbauten der Vorburg

Wall

Auch die Vorburg, die vermutlich im 14. Jahrhundert auf einem natürlichen, aber auch teilweise aufgeschütteten Geländeabsatz errichtet wurde, wird von einem mächtigen Wall/Grabensystem fast vollständig umzogen.

Ringmauer mit Torturm

Die Ringmauer umschloss mit 13 Halbrundtürmen und einem Halbrundtorturm das Gelände. Da diese Türme an der Innenseite offen sind, werden sie Schalentürme genannt. Diese Konstruktion bot einerseits den Vorteil, dass die Türme von innen leichter zugänglich waren, andererseits der Feind, der bereits die Ringmauer erklommen hatte, keinerlei Deckung zur Hofseite hin hatte.

Wohn- und Wirtschaftsgebäude der Vorburg

Einige heute leider nicht mehr sichtbare, aber über die Jahre planmäßig dokumentierte Mauerreste und Funde, geben Hinweise, dass auch auf der Vorburg entsprechende Gebäude gestanden haben.

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4. Typischer Aufbau einer mittelalterlichen Höhen-Burg

  1. Bergfried
  2. Verlies
  3. Zinnenkranz
  4. Palas
  5. Kemenate
  6. Vorratshaus
  7. Wirtschaftsgebäude
  8. Burgkapelle
  9. Torhaus
  10. Pechnase
  11. Fallgatter
  12. Zugbrücke
  13. Wachturm
  14. Wartturm
  15. Burgtor
  16. Ringgraben
  17. Torgraben

Diese vereinfachte Darstellung trifft auf viele, aber nicht auf alle Burgen zu. Oft werden die angesprochenen Elemente so oder so ähnlich wiedergefunden. [nach Friedrich-Wilhelm Krahe: “Burgen des Deutschen Mittelalters”]